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Noch oft übersehen und vergessen: Kinder psychisch erkrankter Eltern


Maria FISCHER
HPE-Tirol, 6020 Innsbruck, Müllerstraße 47

„Es ist wie ein Alptraum, der sich immer und immer wiederholt…“
„Keiner hat sich um mich gekümmert oder sich um Hilfe für mich bemüht…“
„Wenn die Dämonen meiner Mutter nach mir greifen…“
„Der Weg in die Hölle und wieder zurück…“
„Alle Sensoren waren ständig alarmiert, es hörte nie auf…“
„Mit meinen Ängsten war ich oft allein…“
„Mein Tagebuch – mein einziger Zeuge…“
„Erst nachdem sie in die Klinik gebracht wurde, konnte ich wieder schlafen“
„Ich hasste ‚sie’ und vermisste meine Mutter…“
„Und immer wieder dieser irre Blick in seinen Augen… nicht schon wieder!“ „Das wahre Drama spielte sich hinter unseren Mauern ab – nach außen: wir sind eine normale Familie.“
„Die tägliche Angst vor dem Heimkommen von der Schule…“
„Ich konnte keine Ausreden mehr finden, warum mich Freundinnen daheim nicht besuchen durften“

Dies sind einige Aussagen von Kindern, die psychische Erkrankung in der Familie mit erleben und damit stark belastet und oft überfordert sind, wenn sie damit allein gelassen werden. Lange Zeit wurden die Kinder in Familien mit psychischer Erkrankung ganz einfach übersehen. Die irrige Annahme, Kinder bekämen ohnehin nichts mit oder seien zu klein zum Verstehen, war und ist ein zu leichtfertiges Vermeiden einer schwierigen Herausforderung. Wie können wir Kindern ein Krankheitsgeschehen erklären, das wir Erwachsene nur schwer verstehen können, das auch uns verwirrt, oft verängstigt und hilflos macht und dessen Erleben uns in die Sprachlosigkeit verführt? Kinder trifft das verwirrende Erleben aber in einem Alter, in dem sie ihre eigene Persönlichkeit und Identität erst entwickeln und finden müssen, sie sind daher viel verletzbarer. Aber sie haben auch viele Ressourcen, die es zu nützen gilt!

Kindliches Erleben psychischer Erkrankung
Kinder psychisch erkrankter Eltern leben oft in Desorientierung, Verwirrung und Angst, weil sie das befremdende Verhalten, Denken und Fühlen des erkrankten Elternteiles nicht einordnen können. Ohne altersentsprechende Aufklärung über die Erkrankung suchen Kinder die Schuld für das Unverständliche der Erkrankten bei sich selbst, sie überfordern sich mit Anstrengungen zum Perfektsein, berechtigte Wut über Vernachlässigung, Misshandlung und wiederholte Grenzüberschreitungen muss unterdrückt bleiben. Zu wenig Aufmerksamkeit und mangelnde emotionale Resonanz führen zu erheblichen emotionalen Defiziten und mangelnder Geborgenheit bei den Kindern, verstärkt durch krankheitsbedingt gehäufte Trennungs- und Verlusterfahrungen (elterliche Trennung, Krankenhausaufenthalte, Fremdunterbringung). Wiederholt erlebte Realitätsverluste des erkrankten Elternteils nähren Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, die Entwicklung einer eigenen sicheren Identität ist erschwert. Genaues Beobachten und Erspüren ihrer Umgebung und das Bedürfnis, die Erwartungen anderer zu erfüllen und eine Fassade der Normalität aufrecht zu erhalten, wird zu einer wichtigen Überlebensstrategie dieser Kinder. Die Erkrankung eines Elternteiles drängt die Kinder  in eine Pseudo-Erwachsenenrolle, sie übernehmen zunehmend elterliche Verantwortung mit entsprechenden Aufgaben (Parentifizierung). Aus Furcht, den erkrankten Elternteil zu verraten bzw. selbst stigmatisiert zu werden, neigen Kinder dazu, ihre Probleme niemandem anzuvertrauen, geraten damit aber in soziale Isolation. Beeinträchtige Schulleistungen, verbunden mit Störungen des Sozialverhaltens bringen Kinder auch im schulischen Umfeld oft in Außenseiterpositionen. Ein häufig chaotischer Umgang des erkrankten Elternteiles mit Zeit und Geld, sozialer Abstieg, Desorganisation des Haushaltes, Konflikte mit dem sozialen Umfeld und Kommunikationsverbote führen zu einer Beeinträchtigung des psychosozialen Funktionsniveaus des Kindes. Durch die unsichere Bindung an den erkrankten Elternteil geraten Kinder in ein schuldhaft verstricktes Abhängigkeitsverhältnis und massive Loyalitätskonflikte, die eine Abgrenzung von dem Elternteil und damit das eigene Erwachsenwerden erheblich erschweren.

Die negativen Auswirkungen elterlicher psychischer Erkrankung sind umso schwerwiegender, je jünger die Kinder sind und je intensiver sie in die Symptomatik des kranken Elternteiles einbezogen werden, je schlechter die Krankheitsbewältigung des Erkrankten selbst ist, je weniger kognitive Fähigkeiten das Kind hat und je mehr die kompensatorische Funktion eines stabilen gesunden Elternteiles fehlt.

Was hilft diesen Kindern?
Zahlreiche Aussagen erwachsener Kinder psychisch erkrankter Elternteile und die in den letzten Jahren zunehmend bedeutungsvoller gewordene Salutogenese- und Resilienzforschung zeigen, was Kindern helfen kann, sich trotz schwieriger und belastender Lebensumstände gesund zu entwickeln. An erster Stelle steht altersentsprechende Information und ein innerfamiliäres Klima der Gesprächsbereitschaft. Mindestens eine vertraute, stabile, Halt und Geborgenheit gebende Bezugsperson, die gefühlsmäßig auf das Kind reagieren kann, stärkt das Sicherheitsgefühl der Kinder. Schutz vor traumatisierenden Erlebnissen (z.B. Suizidversuche, Zwangseinweisungen) können alle Erwachsenen im kindlichen Umfeld gewährleisten. Für Krisenzeiten ist ein in ruhigen Zeiten gemeinsam mit der ganzen Familie erstellter Krisenplan ebenso beruhigend und hilfreich, wie die Sicherstellung alltagspraktischer Unterstützung / Entlastung und Abnahme von übermäßiger Verantwortung für den kranken Erwachsenen in Krisenzeiten. Gute Außenkontakte bes. zu Gleichaltrigen oder anderen wertvollen Menschen sollten gefördert und die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen der Kinder gestärkt werden. Gegenseitiger Austausch in Gruppen ähnlich betroffener Kinder und spielerische Verarbeitung belastender Erlebnisse ermöglichen den Kindern schon frühzeitig Belastendes in die eigenen Lebensgeschichte gut zu integrieren. Primäre Prävention sollte Ressourcen der Kinder  stärken, soziale Netze aufbauen und festigen und einem zu frühen psychiatrisch-diagnostischen Blick auf diese Kinder zuvorkommen. Sie könnte viel unnötiges Leid verhindern und die Prolongation psychischer Erkrankung über Generationen unterbrechen helfen.

Themenspezifische Aktivitäten und Angebote in Österreich
Psychosoziale Dienste, Sachwalter und die Angehörigenselbsthilfe HPE sind am öftesten direkt mit Problemen der Kinder in Familien mit psychisch Erkrankten konfrontiert. So gibt es inzwischen einige Angebote aufgrund regionaler Einzelinitiativen. Zum sozialpsychiatrischen Versorgungsstandard gehört die Miteinbeziehung von Kindern in Familien mit psychisch erkrankten Menschen in Österreich leider noch nirgends. So bleibt vor allem die Angst psychisch erkrankter Mütter, dass ihnen in akuten Krankheitssituationen die Kinder abgenommen werden, eine schmerzhafte Trennung für beide Seiten.

Psychosoziale Dienste arbeiten oft mit der regionalen Jugendwohlfahrt zusammen bei der Lösungssuche und Unterstützung für die ganze Familie, HPE berät Angehörige auch im Umgang mit ihren Kindern. Das ist auch Teil eines in allen Regionen Tirols gehaltenen Vortrages „Depression betrifft die ganze Familie“, einer gemeinsamen Aktion von HPE mit dem Tiroler Bündnis gegen Depression.

Kinder- und Jugendarbeit der HPE in der Familienberatungsstelle Wien bietet prozessorientierte Einzelbegleitung der betroffenen Kinder und Jugendlichen durch eine Sonder- und Heilpädagogin, begleitender Austausch mit den Eltern zur Schaffung eines unterstützenden sozialen Gefüges für das Kind und bei Bedarf Kommunikation mit Ämtern und Schule ergänzen das Angebot.

HPE-Selbsthilfegruppen für erwachsene Kinder von psychisch erkrankten Eltern in Wien und Innsbruck: ermöglichen, das in der Familie mit psychisch Kranken Erlebte mit anderen ähnlich Betroffenen zu teilen, aktuelle Betreuungsprobleme zu bearbeiten, Abgrenzung, Ablösung und Verantwortungsrückgabe zu erarbeiten, und in gegenseitiger Entwicklungsbestärkung neue Freundschaften zu begründen.

Präventionsprojekt „Jojo – Kindheit im Schatten“ von Aha! in Salzburg: PsychologInnen und PädagogInnen bieten in Einzelsettings in Salzburg und im Pinzgau Kinderbetreuung mit spielerischer, kreativer und altersgerechter Bearbeitung spezifischer Themen rund um die psychische Erkrankung an, Eltern werden in Elterngesprächen eingebunden Zu den Jojo-Aktivitäten zählen auch: Kooperation mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft und anderen einschlägigen Vereinen und Institutionen, Öffentlichkeits-, Netzwerkarbeit und Fortbildungsaktivitäten.

Projekt „Alleinerziehende Mütter und Väter ohne Netz“ in Oberösterreich: bietet Unterstützung von psychisch erkrankten Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt.

Projekt „TakaTuka“ der Caritas in Tirol: in Einzelfallbetreuung werden Kinder mit psychisch kranken Eltern durch einen aufsuchend arbeitenden Kinderpsychologen versorgt, Kooperation mit Tiroler HPE.

Projekt „Kiesel“ (Kinder von Eltern mit Seelischen Leiden) des Arbeitskreises für Vorsorge- und Sozialmedizin  in Vorarlberg unter Leitung einer DSA, zusätzlich gibt es Beratung von Kindern von psychisch Kranken durch eine FA für Psychiatrie.

Lindauer Kreis (regelmäßige Treffen von Angehörigenvertretern aus Deutschland, der Schweiz und Westösterreich): startete im Frühjahr 2008 eine vielversprechende grenzüberschreitende kooperative Planung von Projekten für Kinder psychisch Kranker bis 14 Jahren in den einzelnen Teilnehmerländern bzw. gemeinsame Veranstaltungen (Tagung) zum Thema „Kinder als Angehörige“. Erstellung einer Informationsbroschüre speziell für Kinder durch die Beratungsstelle in Wien.

Webadressen zu Angeboten für Kinder psychisch Erkrankter:
www.netz-und-boden.de ist die reichhaltige Homepage über Kinder psychisch Kranker
www.hpe.at (enthält auch HPE-Bundesländer-homepages) bietet jetzt auch anonyme online-Beratung für Angehörigenfragen
www.aha-salzburg.at für Projekt „Jojo – Kindheit im Schatten“
www.aks.or.at für Projekt „Kiesel“
www.vfb.no für Oslo: Adults for Children, CIC – Caring for the Invisible Children, European Prevention Network for Children of Mentally ill Parents)
 
Literaturempfehlungen:

HOMEIER Schirin (2006): „Sonnige Traurigtage“. Mabuse Verlag, Frankfurt a. M.

MATTEJAT Fritz & LISOFSKY Beate (Hrsg.) (2001): “…nicht von schlechten Eltern. Kinder psychisch Kranker“. Psychiatrie-Verlag, Bonn

EGGERMANN Vera & JANGGEN Lina (2004): „FUFU und der grüne Mantel. Ein Kinderbüchlein für Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil“. AstraZeneca AG, CNS, Zug

BROSCHÜRE: „Wenn dein Vater oder deine Mutter in psychiatrische Behandlung muss ... mit wem kannst Du dann eigentlich reden?“ Bezug: Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V., Thomas-Mann-Str. 49a, 53111 Bonn

BAUMANN Kerstin Katharina (2000): „Ver-rückte Kindheit“. Probleme und Hilfemöglichkeiten bei Kindern psychisch erkrankter Eltern“. Tectum Verlag Marburg

BEECK Katja (2003): „Im Schatten der Kindheit. Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern“. Soziale Psychiatrie 27: 12-15
BEECK Katja (2005): „Netz und Boden. Unterstützung  für Kinder psychisch kranker Eltern“. Infobroschüre. Eigenverlag, Berlin
BEECK Katja (Hrsg.) (2004): „Ohne Netz und ohne Boden. Situation Kinder psychisch kranker Eltern“. Infobroschüre. Eigenverlag, Berlin

REMSCHMIDT Helmut & MATTEJAT Fritz (1994): „Kinder psychotischer Eltern“. Hogrefe Verlag, Göttingen


nach oben Druckversion dieser Seite Letzte Änderung am  02.01.2013, AutorInnen: U. Meise, A. Ibelshäuser


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