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Erfahrungsberichte depressiv Erkrankter


Frau V., 36 Jahre alt, erzählt von ihrer depressiven Erkrankung:

 

Den ersten Kontakt zu einer psychiatrischen Einrichtung hatte ich etwa vor fünf Jahren. Es war mir damals nicht bewußt, dass ich mit der Diagnose „Depression“ konfrontiert werden würde, weil ich die Zeichen dafür nicht erkannt hatte, obwohl ich schon ein gewisses Basiswissen darüber hatte. Ursprünglich war mir nur aufgefallen, dass mir meine Angstattacken immer mehr in der Arbeit und im Privatleben zu schaffen machten. Während der Arbeit war ich immer getrieben davon, nicht genug Leistung zu bringen und deshalb hatte ich jeden Tag Angst, dass mein Chef ein Entlassungsgespräch ansetzen würde. Es war mir schon einmal passiert davor, als ich mich zwar so gut es ging in der Arbeit engagierte, aber trotzdem eine fristlose Enlassung einstecken musste. Zuvor hatte ich meine Niedergeschlagenheit, meine Angstzustände und mein übermässiges Schlafbedürfnis der dunklen Jahreszeit und dem drückendem Wetter in Seattle zugeschrieben. Ich ging jeden Tag mit der Frage zu Bett, warum ich das ganze mache. Ich fand keinen Sinn mehr in meiner Arbeit und nicht wirklich eine Perspektive für die Zukunft. Ich dachte nur, wie soll das jetzt bis zur Pension so weitergehen. Trotzdem war ich zumindest fähig, meine Pflichten, wenn auch mit enormer Anstrengung, nachzugehen. Als ich schlussendlich dann den Job verlor, war mein Selbstbewußtsein am Nullpunkt. Ich traute mir in dieser Hinsicht absolut nichts mehr zu. Als Biologin konnte ich nur mehr sehen, was ich alles nicht wußte und beherrschte, und nicht was ich eigenlich alles wußte. Das Glas war halbleer. Ich war gezwungen nach Österreich zurückzukehren, nochmals von vorn anzufangen, eine Stelle zu suchen ohne auf meinen Zustand Rücksicht nehmen zu können. Massive psychosomatische Probleme tauchten auf, die ich nicht beachtete, sondern mit ausgeliehenen Beruhigungstabletten bekämpfte, anstatt mich einem Arzt anzuvertrauen und so Hilfe zu bekommen. Ich teilte meine Sorgen und Nöte auch meinen Freunden nicht mit, sondern spielte ihnen etwas vor. Nach einem Neustart in Amerika war ich wieder mit meiner Einsamkeit konfrontiert. Ich hatte keinerlei Unterstützung, war auch nicht mehr in der Lage um Hilfe zu bitten, sondern begann mich völlig einzugraben und auch mit den Bekannten im Labor keinerlei private Unternehmungen auszumachen, sondern an den Wochenenden völlig leer immer wieder durch die selben Geschäfte zu streifen, mir die sehr kurze Freude des Einkaufens zu gönnen, um dann sofort wieder in diese Schwere hineinzufallen, wo man keinerlei Freude empfinden kann und das Interesse an jedlichem verliert, dass einem einmal Freude gemacht hat. Ich war unfähig Bücher zu lesen, weil meine Aufmerksamkeitsspanne sehr kurz war und ich mich für absolut nichts mehr begeistern konnte. Nur der Schlaf brachte mir Erleichterung. Zehn bis zwölf Stunden waren für mich normal. Manchmal, nach der Arbeit, war ich zu müde, um mich noch auszuziehen und schlief in meiner Kleidung ein, um sie dann am nächsten Tag erst zu wechseln. Sogar die Körperpflege war mühselig für mich. Ich tat nur mehr das Nötigste, um nicht unangenehm in der Arbeit aufzufallen und brachte es gerade noch zustande, einen aufgeräumten und gepflegten Eindruck zu machen. Ich vernachlässigte den Haushalt und auch meine Finanzen. Ich war ständig mit der Bezahlung meiner Rechungen zu spät oder verlor einfach die Erlagscheine und wußte auch nicht, wieviel ich eigentlich auf meinem Konto hatte.

 

Als es dann nicht mehr ging, vertraute ich mich einem Psychiater an. Er erkannte die Lage sehr schnell. Begleitend zur medikamentösen Behandlung, wurde ich einem Psychologen zugeteilt, der mir ab diesem Zeitpunkt beiseite stand. Allerdings hatte ich dennoch ein riesiges Stück Arbeit vor mir liegen, weil nicht jedes Antidepressivum die gewünschte Wirkung sofort erzielt und es lag an mir mich zwar einige Woche bis zu einer möglichen Besserung hin zu gedulden, dann aber doch zu sagen, welche Wirkung es auf mich hatte. Ich war gezwungen einige Medikamente zu versuchen, aber durch die Unterstützung der Ärzte, hatte ich das Gefühl in guten Händen zu sein. Bevor sich mein Zustand überhaupt verbesserte, verschlechterte er sich. In meiner trostlosen Schwermut, wo ich nur mehr alleine zu Hause in einer Ecke kauerte, mischten sich zunehmens Suizidgedanken. Ich hielt es für die einzige Erleichterung in diesen Tagen. Gedanklich ging ich ständig alle Methoden durch, die mich erlösen könnten und idealisierte den Selbstmord. Fast täglich schlief ich mit dem letzten Gedanken ein, ich möge einfach nicht mehr aufwachen. Oft saß ich völlig verzweifelt im dunklen Bad und betete, dass man mich erlösen soll. Darauffolgend machte ich den größten Fehler meines Lebens. Ich verschwieg meine Gedanken und plante nur mehr. Ich vertraute mich nicht meinen Helfern an und begann zu agieren. Heute, im Nachhinein, hätte ich mir so wahrscheinlich viel Leid ersparen können. Über die Jahre begann ich zu verstehen, dass ich eine Depression nicht alleine bewältigen kann. Allerdings hatte ich die größten Probleme mich anzuvertrauen, weil ich keinerlei Worte für diese Leere und diesen dumpfen Schmerz in der Brust hatte. Ich war unfähig zu weinen und so die Spannung los zu werden. Erst durch intensive Psychotherapie gelang es mir, mich und meine Vorgeschichte besser zu verstehen, meine Nöte auszusprechen und so viel Trost zu finden. Durch die Gespräche lernte ich in mich hineinzuhören und mich besser wahrzunehmen und so kam ich aus einer absolut trostlosen, hoffnungslosen Depression heraus. Ich konnte wieder meine Hobbies aufnehmen, begann sogar mit viel Freude Querflöte zu lernen  und kann jetzt wieder Bücher lesen, teile mich besser mit und die Beziehungen zu meinen Freunden haben sich seither intensiviert. Ich mache ihnen nichts mehr vor. Ich zeige mich wie ich bin, ohne eine Fassade aufzustellen. Damals hätte ich nie gedacht, dass eine Besserung stattfinden könnte, obwohl es mir die Ärzte sagten. Aber ich kann jetzt mehr Freude empfinden als jemals und unterdrücke aber auch keine Tränen mehr, wenn es mir einmal nicht so gut geht.

 

Die Medikamente nehme ich nachwievor als Unterstützung, konnte aber auf Beruhigungsmittel völlig verzichten, da ich jetzt lieber das Gespräch suche und es so zu einer Entlastung kommt, wenn Spannungen vorhanden sind. Es war ein langer, steiniger Weg, aber er war es wert zu gehen und nicht aufzugeben.


nach oben Druckversion dieser Seite Letzte Änderung am  06.03.2006, AutorInnen: Für den Inhalt verantwortlich: U. Meise, H. Sulzenbacher


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