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Erfahrungsbericht eines Angehörigen


Herr P. ist der Vater einer 30 Jahre alten Tochter, die seit 17 Jahren an einer bipolaren affektiven Störung erkrankt ist:

 

Wie es begann

Eva ist die zweite unserer drei Töchter. Mit 13 hatte sie plötzlich schulische Probleme, die sich trotz Unterstützung massiv verstärkten. Bald zeigte sie ängstliches Verhalten, Unlust an schulischen aber auch an anderen Dingen. Sie schränkte ihre sportlichen Tätigkeiten ein, sie verhielt sich uns Eltern und ihren beiden Schwestern gegenüber immer öfter verschlossen oder aggressiv. Sie wurde apathisch, lustlos und depressiv, verlor jeglichen Antrieb. Schließlich konnte und wollte sie am Morgen gar nicht mehr aufstehen.

 

Bald darauf machte Eva ihre Arbeiten für die Schule in höchster Eile, ihre Handschrift wurde fast unleserlich, das Schriftbild verzerrt und fahrig. Sie hatte bisher ihre Gedanken sehr verständlich formulieren und sich mündlich und schriftlich gut ausdrücken können. Aber jetzt wiesen ihre schriftlichen Arbeiten oft unzusammenhängende Wortfetzen auf. Sie begann zu rauchen, war viel unterwegs, trieb sich irgendwo herum, auch in der Nacht - ohne unser Wissen oder Einverständnis. Wir machten uns große Sorgen und mussten sie oft suchen. Schließlich versuchte sie auszureißen. Das war für uns alle ein einschneidendes Ereignis.

 

Reaktionen

Weder die Beratung durch eine Kinderpsychologin noch eine gemeinsame Familientherapie brachten eine Besserung unserer Situation.

 

Aber wir bekamen wertvolle Unterstützung durch unseren Hausarzt, zu dem Eva großes Vertrauen hatte und heute noch hat. Er empfahl ihr Schonung, verordnete ein leichtes Antidepressivum, empfahl eine Entlastung vom Leistungsdruck des Gymnasiums durch Wechsel in die Hauptschule und für uns alle eine Betreuung durch die Familienberatung. Durch all diese Maßnahmen entspannte sich die Situation tatsächlich – allerdings nur vorübergehend.

 

Neue Schwierigkeiten

Dann häuften sich von Seiten der Schule Beschwerden über das ungestüme und aggressive Benehmen unserer Tochter gegenüber Mitschülern und Lehrern. Eva konnte ihre Emotionen nicht mehr gut steuern. Bald steigerte sich ihre Stimmungslage zu höchster Unruhe und Agilität. Nichts konnte ihr schnell genug gehen, sie benahm sich immer hektischer, wie von einer unsichtbaren Macht angetrieben. Schließlich konnte sie auch nicht mehr schlafen. Natürlich war so auch unsere Nachtruhe dahin.

 

Auswirkungen auf die Familie

Immer häufiger gab es in unserer Familie lautstarke Auseinandersetzungen mit Eva. Fast alle Gespräche dominierte sie, oft wurde sie dabei ausfallend, gehässig und aggressiv. Wir schämten uns fürchterlich, wenn Verwandte oder Außenstehende etwas davon bemerkten. Aber unsere Bemühungen, eine Verhaltensänderung zu bewirken, blieben erfolglos.

 

Unser Familienleben war empfindlich gestört. Auch unsere Partnerschaft war durch Auseinandersetzungen über den richtigen Umgang mit all den Schwierigkeiten belastet. Alles drehte sich um Eva und ihre Probleme. Wir hatten kaum mehr Zeit oder Energie für andere Dinge.

 

Die Diagnose

Ich hatte beruflich als Pädagoge gelegentlich mit der Kinderpsychiatrie der Innsbrucker Klinik zu tun. Deshalb erkundigte ich mich dort, ob für meine Tochter eine psychiatrische Abklärung angebracht wäre. Die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie bestärkte mich, diesen Weg zu gehen.

 

Nach einem kurzen Aufenthalt unserer Tochter in der Klinik stand die Diagnose fest: manisch-depressive Krankheit (MDK). Weil Eva sich jedoch auf keinen längeren Aufenthalt einlassen wollte, musste meine Frau zu Hause die gesamte Pflege übernehmen und auf die richtige Medikamentation achten.

 

Therapie

Es war eine schwierige Zeit, besonders weil meine Frau die uneinsichtige Patientin drängen musste, die Medikamente weiter zu nehmen, nachdem die ärgsten Symptome abgeklungen waren. Sie war einige Wochen lang ungelernte psychiatrische Krankenpflegerin, fachlich unkundige Vermittlerin zwischen Psychiatrie, Hausarzt und Patientin, Ehefrau, Hausfrau und Mutter so nebenbei – also insgesamt total überfordert! Aber es gelang schließlich mit großer Anstrengung, diese manische Krise, auf die dann noch eine längere depressive Phase folgte, zu überwinden. Eva schaffte trotz allem den Hauptschulabschluss.

 

Die nächsten Krisen

Aber im Spätherbst kam die nächste manische Phase. Es war äußerst schwierig, Eva zu überzeugen, einem Klinikaufenthalt zuzustimmen. Wir konnten uns eine Belastung wie in ihrer letzten Krise für unsere Familie nicht noch einmal vorstellen. Erst nach der verzweifelten Situation eines Suizidversuches stimmte Eva zu. Es war für sie und für uns schlimm, beängstigend und ungewöhnlich, die Hilfe der Psychiatrie in Anspruch nehmen zu müssen. Und in den kommenden Jahren war immer wieder im Spätherbst oder auch im Frühling eine solche Maßnahme notwendig. Auf jede manische Phase folgte – meist nach kurzer Zeit eine tiefe, lang andauernde Depression. Jahr für Jahr.

 

Wie wir Psychiatrie erlebten

Wir stießen auf manche Schwächen im System, über die wir uns wunderten, z.B. gab es Informationsmangel, schlechte Vernetzung der verschiedenen Institutionen, Mangel an Kooperationsbereitschaft auch mit uns Angehörigen, unsensibles Verhalten zu Patienten und andere verbesserungswürdige Zustände. Aber die Psychiatrie war die einzige Hilfe, die es gab. Und diese Hilfe erwies sich auf Dauer als wirksam. Für unsere Familie wurde durch die psychiatrische Betreuung meiner Tochter alles anders:

 

Eva erfuhr, dass sie nicht böse, charakterlos, undankbar, schlecht erzogen, dumm oder verrückt war – sondern krank. Sie erlebte andere Patienten als ebenso oder noch weit stärker belastet durch die psychische Erkrankung. Sie bemerkte die Verbesserung ihres Zustandes durch Medikamente und psychotherapeutische Behandlungen.

 

Erfahrungen einer Patientin

In den verschiedenen Krankenhäusern machte Eva in den folgenden Jahren gute, weniger gute und schlechte Erfahrungen mit Ärzten, Pflegern, Therapeuten, mit anderen Patienten und ihren Angehörigen und Besuchern. Sie litt unter unpassenden Medikamenten, falschen Dosierungen, schmerzhaften und entwürdigenden Nebenwirkungen, Isolierung von Familie, Freunden und Arbeitskolleginnen, Unverständnis, Vorurteilen und Ablehnung von Arbeitgebern, Behörden und Mitmenschen, unter Überbelastung am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit und Trostlosigkeit.

 

Aber sie erfuhr auch die beruhigende und beschützende Gewissheit einer letztlich doch effektiven medizinischen Behandlung. Sehr wichtig war auch die Hilfe durch psychosoziale Einrichtungen, die Ergotherapie in der Tagesklinik, die Betreuung durch Hausbesuche und das Angebot einer Tagesstruktur durch den Psychosozialen Pflegedienst (PSP), die Bemühungen um eine berufliche Rehabilitation im ARTIS-Betrieb der Gesellschaft für Psychische Gesundheit – Psychohygiene Tirol (GPG).

 

Im privaten Umfeld half die verständnisvolle und großartige Unterstützung und Zuwendung durch ihren Freundeskreis, den Eva mit viel persönlichem Engagement zu erhalten wusste, und nicht zuletzt der stabile, verlässliche Rückhalt in unserer Familie.

 

Unsere Bemühungen im Rahmen des Vereins Hilfe für Angehörige psychisch erkrankter Menschen (HPE), unser Engagement in der Arbeit mit Angehörigen, unser Interesse für die Ursachen und Auswirkungen ihrer Erkrankung, all das weiß Eva sehr zu schätzen.

 

Zu unserem Hausarzt und zu ihrer Psychiaterin hat sie eine sehr gute Beziehung aufgebaut, in die sie auch uns einbezogen hat. So konnten wir etwa gemeinsam einen Krisenplan erstellen, an den wir uns einvernehmlich halten, wenn uns etwas auffällt.

 

Ausbildung und Beruf

In den guten Phasen war Eva sehr aktiv, trieb Sport und begann eine Lehre als Zahntechnikerin, die sie trotz häufiger Ausfälle durchhielt und mit sehr großem Energieaufwand beinahe abschloss – wir bewunderten sie sehr. Zuletzt konnte sie jedoch wegen einer neuerlichen psychotischen Krise mit langem Aufenthalt in einem psychiatrischen Krankenhaus den Abschluss nicht mehr schaffen.

 

Vorübergehende materielle Sicherheit gab 3 Jahre lang die Invaliditätsrente. Die Vorbereitungen auf einen neuerlichen Einstieg ins Berufsleben konnten so ohne Stress getroffen werden.

 

Hoffnung

Eva hat in den letzten 6 Jahren wieder ganz normal Weihnachten mit uns feiern können! Das war einige Jahre lang nicht möglich!

 

Seit über einem Jahr arbeitet sie in ihrem erlernten Beruf als Zahntechnikerin und hat kürzlich sogar einen Arbeitsplatzwechsel meistern müssen. Auch familiär hat sie sich verselbständigt und wohnt jetzt allein in einer Kleinwohnung. Sie ist jetzt 30 Jahre alt.

 

Für uns endete ein böser Traum, eine dunkle Phase unseres gemeinsamen Lebens, in der wir mit Verständnislosigkeit, Verzweiflung, Wut, Angst, Hass, Trauer, Hoffnungslosigkeit, emotionalen Belastungen aller Art konfrontiert waren.

 

Inzwischen haben wir alle gelernt, mit der psychischen Erkrankung unserer Eva zu leben. Ohne gegenseitige Hilfe und ohne Unterstützung von außen wäre es wohl nicht möglich gewesen. Auch ohne unser Engagement in der HPE wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.


nach oben Druckversion dieser Seite Letzte Änderung am  06.03.2006, AutorInnen: Für den Inhalt verantwortlich: U. Meise, H. Sulzenbacher


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